Montag, 28. Mai 2012

Eine scharfe EM


Ich glaube es ist das erste Mal, dass alle Spiele einer EM oder WM in HD und einige sogar in 3D auf den freien Programmen zu sehen sind. Wir erleben also noch genauer und sogar plastisch wenn Schiris und Linienschiris sich vertun, ob England wieder ein Tor versagt bleibt und wenn Gott erneut die Hand eines Spielers küsst. Hinzukommen werden etliche super-slow-mos aus diverse Aufnahmewinkeln, die einem bei Tacklings in Atem halten werden. Übrigens sieht es nicht weniger schmerzhaft aus, wenn ein Misstritt 4fach und in Superzeitlupe gezeigt wird. Und es sieht auch nicht schmeichelhafter aus, wenn ein Ronaldo über den Ball haut oder Robben im Strafraum überhaupt nicht getroffen wird.

Aber solange Hawkeye erst beim Tennis zu den Linien schauen darf und bei UEFA/FIFA weiterhin im Versuchsstadium des Altherrengremiums ist (man muss ihnen Zeit geben, es geht eben nicht mehr alles so schnell), spielen alle Zeitlupen keine Rolle. Es bleibt beim Tatsachenentscheid, wenn auch verteilt auf mehrere Pfeifenmänner. Halt nein, spuckt ein Spieler dem anderen in den Nacken und sehen das nur die Fernsehkameras, dann kann sich das spielende Lama alsbald vom Spiel, mindestens von den nächsten, verabschieden. Diskutiert werden aber darf auch nachher noch, ob mit oder ohne Falkenauge. Ausser mit den Schiris, die haben eine Interviewsperre auferlegt bekommen.

Mit HD sieht man jetzt wenigstens die Rückennummern der Spieler und entdeckt wie oft sich unsere Lieblings-Kommentatoren beim Spieleransagen vertun (Weltmeister darin sind glaube ich, die Schweizer). Kann man darauf eigentlich auch Wetten abschliessen? Mal die Azzuri fragen, die wurden in der Nacht auf heute von den Carabinieri aus den Betten gescheucht und auf Wetttätigkeit getestet. Eine ganz andere Form der Dopingprobe.

In HD aber hoffentlich nicht in 3D, und wenn man mag in Dolby Stereo, kann man auf dem ZDF bald schon dem liebsten Schlaftablettenduo des deutschsprachigen Fernsehens zugucken: Herr Kahn und Frau Müller-Hohenstein, Marianne und Michael des Fussballs, fast so unterhaltsam in Mimik und tiefgründig in ihren Texten.

Kennt jemand ausser mir den Sender ESPN Classics? Dort kann man älteren Fussballspielen frönen, Halbfinals aus 1984, Finals aus 1982, arg kurze Hosen und lange Bärte inklusive. Fast hat man vergessen wie wenig man mit den alten 4:3 Würfeln eigentlich erspähen konnte, von einer Offsideahnung ganz abgesehen, während heute links der Keeper den Abstoss tätig und derjenige auf der rechten Seite in die Handschuhe spuckt. Und alles live zu sehen. In HD!

ph

Sonntag, 27. Mai 2012

Weshalb Manuel Neuer nicht der beste Torwart der Welt ist


Als einstiger Pfostenhalter liegen mir die Goalies rund um die Welt besonders am Herzen. Einen Foster-Flop oder Zubizaretta-Fehlgriff haben alle Fussballer unserer Sondergattung schon mitgemacht. Von daher sei meine folgende Kritik immer mit dem Verständnis eines Mitleidenden geschrieben.


Nein, es sind schlussendlich Bauchgefühl, optische Wahrnehmung und ein klein wenig Objektivität, die mich zu der Behauptung verführen lassen, dass Neuer, 26jährig und einst Mitglied der Ultraecke des Schalker Anhangs, zurzeit nicht zu den Top 5 in Europa zählt.

Wer Bundesliga schaut, der sieht immer mal wieder einen typischen Neuer Aussetzer. Am spektakulärsten mitanzusehen sind diese bei seinen Ausflügen an die Straufraumgrenze und über den Sechzehner hinaus (hier schreitet er durchaus in den breiten Fusstapfen des einstigen Bayernmonsters Kahn), wenn auch hier noch am verzeihbarsten, schliesslich geht ein Goalie, der wie Neuer gerne mitspielt und eine durchaus feine Fusstechnik hat, auch ein höheres Risiko ein, als einer der eher abwartet, ja vielleicht zögert. Nicht immer kann sich Neuer aber beherrschen und zu oft ist er nur gerade knapp und nicht ohne grössere Panik vor dem Angreifer am Ball. Eine schnelle Angriffsauslösung muss nicht zwingend mit einem schlecht getimten Ausflug einher gehen. Okay, wir haben gelernt: grösseres Risiko = mehr Fehler.

Erschreckend zertreut so scheint es, wirkt Neuer jedoch öfter in Sachen Crosses, Flanken und Corner, also bei hohen Bällen. Insbesondere in diesen Gefilden fällt er zurzeit aus Europas führenden Fünf, ja gar Zehn heraus. Auch in der abgelaufenen BuLi  hat sich Neuer hier so manchen Patzer geleistet, nicht jeder führte freilich zu einem Tor, aber so manch einer zu chaotischen Verhältnissen und Konfusion bei seinen Vorderleuten. Hohe Bälle richtig einschätzen gehört zum ABC eines Torwarts, doch nicht immer sind diese Situationen so einfach abzuhandeln, wie es die Trainingssituationen wollen.

Einige seiner Aussetzer 2011/2012: Am allerersten Spieltag versucht Neuer an der Straufraumgrenze einen Ball abzufangen, dieser springt über den 44 Mio. Euro Keeper und De Camargo macht das Siegtor zum 0:1 für Gladbach. Zum Start der Rückrunde spielt Neuer dem Gladbacher Reus den Ball flach in die Füsse (1:0 Führung Gladbach). Beim 1:2 im Spiel Bayern-HSV unterläuft Neuer in der 7. Minute einen Freistoss von der Seite, Son trifft daraufhin zum 0:1. Im Pokalfinale gegen Dortmund irrt Neuer zwei Mal bei Hereingaben im Strafraum herum. Nur ein paar Beispiele einer nicht sonderlich guten Saison für Neuer.



Manuel Neuer ist doch noch jung und er lernt noch dazu! Oder? Jein! Neuer ist 26, ein Torwart der hohe Ansprüche an sich selbst stellt und zweifellos hohe Ansprüche von Fans und Mannschaft zu erfüllen hat -- und er gehört einer Generation von Torhütern an, die längst über ausgeprägte Spielerfahrung verfügt, national und international: Hugo Lloris, Joe Hart, Steve Mandanda, Salvatore Sirigu etc. Und er bekommt kräftig Druck im eigenen Land von talentierten Pfostenstehern wie Ron Robert Ziegler oder ter Stegen. Ausserdem gibt es noch immer einige alte Haudegen wie Gigi Buffon, Shay Given, Petr Cech und Iker Casillas (ja, der Spanier ist auch bereits 31...), die Neuer hie und da noch in den Schatten stellen. So oder so, mit 26 sollte und müsste ein Torwart zweifelsohne ausgelernt sein.

Nein, fehlerlos ist keiner der Genannten, wer will und kann schon diesen Anspruch an einen Torhüter stellen? Vielleicht auch nicht immer talentierter als Neuer, aber grosses Talent alleine schützt vor Patzern nicht und noch fehlt (mir) eine Neuer Saison, in der er vor allem überragend war. Fussballerfloskel Nr. 23: Im Rampenlicht steht man als Keeper immer und Fehler werden keinem anderen Fussballer so ungerne verziehen. Wie er sich an der Euro 2012 schlagen wird, wissen wir spätestens am 1. Juli. Um erfolgreich abzuschliessen, ist er allerdings auch auf eine stabilere Abwehr angewiesen als sie Löws Team derzeit stellt! Plus er sollte tunlichst die Neuer-Patzer vermeiden. 



ph

Samstag, 26. Mai 2012

Von Todesgruppen und hohem Druck

Wie vor 2 Jahren während der Fussball-WM in Südafrika, versuche ich auch dieses Jahr einen täglichen Blog während der Euro 2012 zu schalten. Ob das Unterfangen gelingt und die Augen nach allabendlichem Couchtschutten auch am nächsten Tag noch genug viereckig sind um am widescreen-Mac Titel, Thesen und Temperamente einzutippen? Ich habe fleissig trainiert und 2 Saisons französischen Ligue 1 Fussball mit irgendwas um die 250 Spiele hinter mir!

Sicherer jedenfalls ist, dass einige Teams mehr unter Druck stehen als der Blogautor, natürlicherweise. Spanien wird wohl von den Favoriten am wenigsten Druck spüren, die Fussballnation Nr. 1 hat an den letzten beiden Grossanlässen abgeräumt, ein weiterer Titel wäre wirklich sowas wie eine Zugabe.

Bei Deutschland sieht es etwas anders aus, da erwartet ein ganzes Land (ein ganzes Land? Nein, denn... aber lassen wir die Gallier wo sie hingehören) endlich wieder einen Titel, insbesondere nach den letzten Titelspielen an WM und EM (2006 Halbfinale, 2008 Finale, 2010 Halbfinale). Hält die junge Mannschaft stand? Und insbesondere: Hält die wacklige Innenverteidigung stand - die Achillesferse der Deutschen.

Die Niederlande. Die Mannschaft ist merklich älter geworden. Aber auch reifer? Im Fussball verrückten Land sehnt man sich nach dem EM Sieg 1988 nach dem Pokal und nach dem grausligen Auftritts im Finale 2010 gegen Spanien nach Wiedergutmachung.

Beide eben erwähnten Teams treffen in der "Todesgruppe" B aufeinander und dort auch noch auf Portugal und den (nicht zu unterschätzenden) Aussenseiter aus Dänemark.

Diese drei Mannschaften (ESP, GER, NED) werden so oder so als meistgenannte Aspiranten auf einen Halbfinaleinzug geführt.

Mächtig Druck verspüren werden die Gastgeber Polen und Ukraine (ich weiss wovon in rede, die EM 2008 steckt noch in den heimischen Knochen...). Erstere noch mehr als letztere, jedenfalls anhängermässig. Politisch könnte es freilich umgekehrt sein.

Und wie sieht es mit Frankreich, England und Italien aus? Naja. Frankreich schlurft auch mit Laurent Blanc eher so dahin, obwohl sie sich als Gruppenerste qualifiziert haben, aber es sind einige vielversprechende Leute im Team wie Benzema oder Giroud von Meister Montpellier. Und bleiben Verletzungshexe und Teamstreik aus, wer weiss?!

England erholt sich immer noch vom Capello-Debakel. Nachdem der Italiener das Handtuch geschmissen hat und Oldie Roy Hodgson sein Amt übernahm, fragen sich einige ob A. Young, Hart und Rooney wirklich up and ready für ein grosses Turnier sind.

Italien wurde so selten wie kaum zuvor als möglicher Favorit genannt. Vielleicht macht sie das bissiger als auch schon? Und in unserem südlichen Nachbarland wird die Erwartung sowieso eine andere sein.

Seit Russland seine Meisterschaft endlich dem Europäischen Fussballzirkus angepasst hat, könnte auch da mal wieder was gehen. Talent haben die Ostblocker auf alle Fälle und Zuschauerunterstützung sollte dank Putins Wahlversprechen, jedem, der sich das Flugticket nicht leisten könne, ein solches zu bezahlen, garantiert sein... man stelle sich die Aufschreie bei unsereins vor!

In 2 Wochen wissen wir schon ein bisschen mehr. Oder auch nicht.

ph